Das systemisches Verständnis von Ängsten und Angsterleben
Angst ist ein Gefühl – und Gefühle sind aus systemischer Sicht sehr ernstzunehmende Botschafter. Als solche teilen sie uns mit, wenn wichtige (Grund-) Bedürfnisse gerade nicht oder nicht ausreichend erfüllt werden.
Aus systemischer Sicht sind Ängste deshalb auch nicht einfach ein Symptom eines womöglich krankhaften Prozesses. Sie sind vielmehr der relevante Hinweis eines kompetenten Organismus darauf, was gerade dringend gebraucht wird.
Dabei weisen Ängste in der Regel auf ein offenes Bedürfnis nach Schutz, Sicherheit, Stabilität, Orientierung, Verbundenheit oder Handlungsfähigkeit hin.
Also sind sie im Grunde wie eine körpereigene „Warnblinkanlage“, die verkündet: „Ich hätte jetzt gern mehr Schutz und Sicherheit.“
Aus diesem Verständnis lassen sich in der psychotherapeutischen Praxis dann sehr gezielt Interventionen ableiten. Diese werden von Klientinnen und Klienten in der Regel als stimmig und umsetzbar erlebt. Und das auch deshalb, weil stets mit – und nicht etwa in fataler Weise gegen – den Organismus gearbeitet wird.
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Ängste verstehen und systemisch behandeln
Gefühle werden erzeugt
Angst ist kein Zustand, den wir einfach „haben“
Entgegen der immer noch weit verbreiteten Überzeugung, gibt es kein Gefühl, dass man einfach so „hat“. Alle Gefühle – und damit auch Ängste – werden wissenschaftlich nachweisbar immer von uns selbst erzeugt.
Dieser neurobiologische Fakt sei aber bitte nicht in zynischer Weise als „selbst schuld!“ missgedeutet. Natürlich will sich in der Regel niemand selbst schaden. Außerdem laufen die Prozesse, die Ängste erzeugen, meist nicht nur unbewusst sondern auch unwillkürlich ab. Nichts desto trotz ist es ein aktives Geschehen. Und das kann im Rahmen der systemischen Therapie auf unterschiedliche Weisen steuerbar gemacht werden.
Unser Erleben ist immer das Ergebnis von Bewertungsprozessen und Aufmerksamkeitsfokussierung.
Für Ängste heißt das:
Je stärker die Aufmerksamkeit auf mögliche Gefahren, Katastrophen oder bedrohliche Zukunftsbilder gerichtet wird, desto leichter kann ein Angsterleben entstehen – insbesondere, wenn man sich in der entsprechenden Zukunft zusätzlich als völlig handlungsunfähig ausgeliefert und ganz allein konstruiert.
Wer Angst hat, hat Zukunft
Ängste sind immer auf die Zukunft ausgerichtet
Es ist schlicht unmöglich Angst in sich zu erzeugen wegen etwas, dass in der Vergangenheit passiert ist. Angst richtet sich immer nach vorne, also auf das Zukünftige. Wir haben Angst vor etwas, das möglicherweise passieren könnte:
- vor einer Katastrophe
- einem Kontrollverlust
- einer Krankheit
- einer Ablehnung oder
- einem Versagen in der Zukunft.
Dafür brauchen wir Vorstellungskraft.
Menschen die unter Ängsten leiden sind oft sehr gut darin, mögliche zukünftige Entwicklungen innerlich vorwegzunehmen. Das ist zunächst eine große Kompetenz und als solche anzuerkennen und zu würdigen. Die eigentliche Schwierigkeit ist dann auch nicht die Fähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen. Vielmehr besteht das Problem darin, dass die Aufmerksamkeit sehr stark auf eine ganz bestimmte Zukunft fokussiert wird: Regelmäßig werden hier bedrohliche Zukünfte imaginiert, in denen man handlungsunfähig, einer Situation hilflos ausgeliefert und ganz allein ist.
Und genau darin liegt aus systemsicher Sicht ein möglicher Ansatzpunkt für Veränderung: Nicht die Fähigkeit zur Vorstellung muss verschwinden, sondern es gilt für die Betroffenen andere, positive Zukunftsbilder und Möglichkeiten wieder stärker erlebbar werden zu lassen.
Das kann aber nur dann reibungslos funktionieren, wenn gleichzeitig beachtet, gewürdigt und integriert wird, WOFÜR eine Person die bedrohlichen Zukünftige überhaupt imaginiert. Hier zeigen sich dann bei genauem Hinsehen meist die unterschiedlichen und vielschichtigen Bedürfnisse der Betroffenen – in Form komplexer „Zwickmühlen“. Diese gilt es im Rahmen der psychotherapeutischen Arbeit gemeinsam kreativ aufzulösen.
Niemand ist seine Angst
Trennung von Mensch und Erleben
In der systemischen Arbeit wird klar unterschieden zwischen dem Menschen und seinem Erleben. Nur weil jemand Ängste erlebt, ist er oder sie deshalb kein „ängstlicher Mensch“ – und schon gar nicht schwach oder weniger belastbar.
In der Praxis zeigt sich diese Sichtweise meist als sehr übereinstimmend mit dem eigenen Erleben der Betroffenen, die mir oft Folgendes berichten: Ein innerer Anteil von mir erlebt Angst, während gleichzeitig ein anderer innerer Anteil den ersten für sein Angsterleben abwertet: „Ich sollte keine Angst haben. Ich müsste doch stärker sein.“
Sowohl ängstliche als auch kraftvollen Anteile finden sich in den meisten Menschen. Aber keines dieser Erleben IST der ganze Mensch oder kann ihn – angesichts menschlicher Komplexität – angemessen beschreiben: Auch Sie sind also nicht Ihre Angst! Vielleicht haben Sie ängstliche Anteile und vielleicht zeigen sich diese aktuell stärker als sonst, das mag sein.
Gefangen in der Problemtrance?
Wenn die Angst den Blick verengt
Starke Angst kann unseren inneren Möglichkeitsraum kleiner werden lassen. In solchen Fällen richtet sich die Aufmerksamkeit dann vor allem auf das, was schiefgehen könnte (Therapeutisch nennt man das auch eine „Problemtrance“ – eine Form der unbeabsichtigten Selbsthypnose ins Problemerleben hinein.).
Dabei gerät für die Problemlösung Hilfreiches oft in den Hintergrund. Manchmal wird es sogar richtiggehend dissoziiert, so dass für die Betroffenen kein Zugriff mehr darauf besteht. Das ist dann ein wenig so, als hätte man Scheuklappen auf. Dadurch können dann z.B. Aspekte wie die folgenden nicht mehr richtig wahrgenommen werden:
- eigene nützliche Fähigkeiten
- hilfreiche Vorerfahrungen
- vorhandene Unterstützung durch andere Menschen
- die Möglichkeit, dass eine Situation ganz anders verlaufen könnte als befürchtet
Auf diese Weise kann sich das Gefühl massiv verstärken, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein. Und wie bereits, beschrieben befeuern Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühle wiederum das Angsterleben: ein Teufelskreis.
In der systemischen Arbeit wird deshalb daran gearbeitet den Blick wieder zu weiten, um für die Lösung Nützliches bei sich selbst wieder (besser) wahrnehmen zu können.
Lösungsorientierte Hilfe
Wie ich als Systemische Therapeutin mit Menschen arbeite, die unter Ängsten leiden
👉 Eine ausführliche Beschreibung meiner Arbeitsweise als Systemische Therapeutin finden Sie hier:
So arbeite ich: Der systemische Ansatz in der Psychotherapie
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