Wie funktioniert Systemische Therapie?

Du interessierst dich für eine psychologische Beratung oder eine Psychotherapie? Du scheust aber die vielleicht schmerzhafte Betrachtung von Vergangenem? Außerdem möchtest du möglichst schnell eine Lösung für dein Problem finden?

Dann könnte eine Systemische Beratung oder Systemische Therapie genau das Richtige für dich sein. Hier erkläre ich dir warum und wie Systemische Therapie funktioniert. Aber, fangen wir vorne an: 


Was bedeutet „systemisch“?

Die Systemische Therapie hat sich aus der Familientherapie entwickelt, die in den 1950igern vor allem in den USA, Deutschland und Italien entstand. Die Familie wurde dabei als „das System“ eines Menschen bezeichnet.

In der Weiterentwicklung wurde der Begriff des Systems dann auch für viele andere soziale Bezugssysteme verwendet, wie zum Beispiel für den Freundes- oder Bekanntenkreis, das Kollegium oder die Paarbeziehung. 
Hiermit hätten wir also schon einmal den – auf den ersten Blick vielleicht etwas ominösen – Begriff des „Systems“ erklärt. 


Das System hat relevanten Einfluss – deswegen wird es berücksichtigt.

Ok, aber warum genau ist das System denn nun so wichtig in Therapie oder Beratung?
Ganz einfach: Weil wir Menschen soziale Wesen sind, denen lediglich die moderne Welt erlaubt ein relativ unabhängiges Leben zu führen. 

Unsere „Basisverdrahtung“ ist aber seit uuunzähligen Jahren auf das (Über-)Leben in sozialer Gemeinschaft ausgelegt. Und so war dann auch die zentrale Erkenntnis der frühen Familientherapeuten, dass „verrücktes“ Verhalten nicht nur als das Resultat innerseelischer Konflikte verstanden werden kann, sondern auch als eine angemessene Reaktion auf Umweltbedingungen, also zum Beispiel auf die bestehende Familienstruktur. Soll heißen: bestimmtes Verhalten, Konflikte und auch innerpersonelle Probleme können auch als Antwort auf eine Systemstruktur verstanden werden.

Systemstruktur bedeutet dabei die Ansammlung ungeschriebener System-Gesetze, entsprechend derer wir handeln – oder besser „handeln sollten“, wenn wir denn weiter Mitglied des betreffenden Systems bleiben wollen. Und im Allgemeinen wollen wir das uuunbedingt, ohne vielleicht genau sagen zu können warum. Auch das hat mit bereits erwähnter „Basisverdrahtung“ und unserem Überlebenstrieb zu tun. Denn das ein Überleben außerhalb von sozialer Gemeinschaft möglich ist, ist eine Entwicklung der Neuesten Zeit (1789 bis Gegenwart) und damit ein noch recht junges Phänomen. Überleben hieß viele, viele Jahrtausende lang vor allem das: „Gehöre zu einer sozialen Gruppe!“ und „Sorge nach Kräften für die Stabilität und das Fortbestehen deiner sozialen Gruppe!“

Vor allem aus dem letzten Punkt erklärt sich wohl der „Selbsterhaltungstrieb“ von Systemen. Dieser bedeutet für die therapeutische Praxis, dass Systeme sich Veränderungen gegenüber eher misstrauisch zeigen und die Veränderungsbemühungen einzelner Mitglieder bisweilen sogar – und man soll sich wundern wie gewieft – versuchen zu verhindern. 

Aber zurück zur Sache:
Nach all dem eben gesagten, kann man sich, so glaube ich zumindest, leicht vorstellen, dass soziale Bezugssysteme einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf ihre Mitglieder haben können. Und auch, dass Schwierigkeiten im System, wie zum Beispiel ungünstige Kommunikations- und Beziehungsmuster , zu Symptomen bei einzelnen Mitgliedern führen können.

Folgelogisch ist für die Systemische Therapie deshalb ein erweiterter Blick charakteristisch: Menschen werden nicht nur isoliert, sondern auch in ihren sozialen Bezügen – ihren Systemen – betrachtet.

Falls du dich jetzt gerade gefragt hast, ob du denn theoretisch deine ganze Familie mitbringen müsstest, kann ich dich beruhigen: Nein, auch mit Einzelpersonen ist die Systemische Therapie gut durchführbar. 🙂


Aber weiter: Was macht die Systemische Therapie denn neben der Berücksichtigung des sozialen Bezugssystems sonst noch aus? 

Lösungen stehen im Fokus.

Getreu dem Motto „Wer Lösungen will, muss über Lösungen sprechen!“ oder „Man muss das Warum nicht unbedingt kennen, um zu einer guten Lösung zu gelangen.“, stellt die Systemische Therapie die Suche nach bzw. das Kreieren von passenden Lösungen in den Mittelpunkt. 

Hierdurch bricht sie mit einem alten Paradigma der Psychotherapie – der Überzeugung, dass ein Problem erst in seiner Entstehung verstanden werden muss, bevor es zu einer Verhaltensveränderung kommen kann: Systemische Therapeuten gehen davon aus, dass eine Verhaltensveränderung jederzeit möglich ist.

Entsprechend wird belastendes Vergangenes auch nicht in epischer Breite – oder besser Tiefe – analysiert, sondern nur so weit betrachtet, wie es zum Verständnis des Problems notwendig ist. Zentral er und raumeinnehmender sind Fragen zu Konstruktion der Lösung bzw. zur Dekonstruktion des Problems: Was hält das Problem aktuell aufrecht? Welche Lösungsversuche gab es bisher und warum genau sind diese gescheitert? Wie können die Lösungsversuche so optimiert werden, dass daraus zielführendes Verhalten entsteht? usw. 

Hier kommt ein weiterer wichtiger Aspekt der Systemischen Therapie ins Spiel: 


Ressourcen werden (re)aktiviert, um Lösungen möglich zu machen. 

Jeder Mensch hat Ressourcen. Ja, wirklich jeder! Und Ressourcen werden immer dann benötigt, wenn Lösungen kreiert werden sollen. Ressourcen sind quasi der Treibstoff der Lösungsbildung. Der Begriff Ressource ist dabei nicht im monetären Sinn misszuverstehen. Ressourcen können vieles sein, wie zum Beispiel: Beziehungen, Fähigkeiten, Gewohnheiten, bestimmte Erfahrungen, hilfreiche Erinnerungen oder Einstellungen zu bestimmten Themen

Menschen in Problemlagen verlieren nun oft ihre vorhandene Ressourcen aus dem Blick. Sie können sie tatsächlich nicht mehr richtig wahrnehmen. Und das deshalb, weil sie sich, in der guten Absicht eine gute Lösung zu finden, oft übermäßig stark auf das Problem konzentrieren. Diese Problemfixierung ist ein ganz natürlicher Prozess.
Zur Verdeutlichung: Stell‘ dir kurz vor, deine Hand wäre dein Problem. Jetzt halte sie dir in einem Abstand von ca. 10 cm vors Gesicht. Was außer deiner Hand, also deinem Problem, kannst du jetzt noch gut und scharf sehen? Genau: Nicht mehr so richtig viel. 

Daher ist ein wichtiger Bestandteil der Systemischen Therapie die Einladung zur Weitung des Blickes. Unter anderem so können vorhandene Ressourcen wieder sichtbar gemacht und (re)aktiviert werden, um dann auch Lösungen leichter möglich zu machen. 

Und jetzt zu dem, worauf Systemische Therapie maßgeblich fußt:


Blickwinkel und Haltungen werden beleuchtet und hinterfragt. 

Wenn du magst, nehme ich dich jetzt mit zum eigentlichen Dreh-und Angelpunkt, also zur absoluten Basis der Systemischen Therapie – einer spannenden Erkenntnistheorie des 20. Jahrhunderts. Keine Sorge, ich versuche mich kurz zu halten und mich maximal un-kryptisch auszudrücken:

Das Herzstück der Systemischen Therapie ist die Konstruktivistische Theorie. Diese besagt, dass wir unsere Wirklichkeit konstruieren und dass DIE Realität (im Sinne von Emanuel Kants „Ding an sich“) unerkennbar ist. 

Denn, Fakt ist, dass wir unsere Umwelt ausschließlich durch unsere Sinnesorgane vermittelt und nur vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen interpretiert erleben können. Das heißt, dass unser Gehirn stets eine enorme Rechenleistung aufwendet, wenn wir das, was wir für DIE Realität halten, wahrnehmen. 

Hier geht es jetzt nicht um Hardliner-Fragen wie „Existiert der Tisch da vor mir eigentlich wirklich?“ Bereits Arthur Schopenhauer wollte solche Fragen ins „Tollhaus“ verbannt sehen. Es geht vielmehr um die zentrale Erkenntnis, dass keine Ding, kein Verhalten, kein Gedanke und keine Aussage Bedeutung an sich hat. 

Bedeutung(en) bekommen die Dinge erst, wenn wir ihnen diese aktiv – bewusst oder unbewusst – zuweisen. Die Feststellung „es regnet“ kann sowohl positive Gedanken und Gefühle – also angenehmes Erleben – bedeuten („Juhuu, endlich wieder Pfützenhüpfen!“) als auch das Gegenteil („Mist, ich habe doch gestern erst die Fenster geputzt!“). Wir interpretieren also ständig die Fakten, mit denen wir konfrontiert sind. Und wir verknüpfen einzelne abgespeicherte Erlebnisepisoden zu neuen Erlebnisnetzwerke. Auf diese Weise kreieren wir tatsächlich unsere ganz eigene Wirklichkeit und eigenes Erleben.

Das hat Konsequenzen für den Wahrheitsbegriff und fürs Miteinander – nicht zuletzt dann, wenn eine Wahrheiten mit einer anderen Wahrheiten kollidiert.

Halten wir also noch mal fest: Kein Ding trägt Bedeutung in sich. Bedeutung muss immer aktiv zugewiesen werden. Und ist dieser zentrale Prozess erst einmal als ein aktiver anerkannt, kann er im Rahmen der Systemischen Therapie gezielt verändert werden. Und zwar so, dass es einer Problemlösung – und damit dem gewünschten Erleben des Klienten – dienlich ist.


Disclaimer:

„Besteht Systemischen Therapie also im Kern darin die Dinge schönzureden?“

Das ist in der Tat ein beliebter Vorwurf und meine Antwort darauf ein klares: Nein.

Denn, Mist bleibt in der Tat Mist – egal von welcher Seite man ihn betrachtet. Und es geht nicht darum diesen Umstand respekt- und gefühllos zu negieren. Ganz und gar nicht. Leidvolles Erleben ist sehr real und damit immer angemessen zu würdigen. 

Aber… könnt es nicht sein, dass der Mist von heute der Dünger für die Rosen von morgen ist…?


Systemische Therapie ist außerdem geprägt von: 

Respekt, humanistischen Grundannahmen, Kontakt auf Augenhöhe, Humor und Leichtigkeit sowie einer eher spielerischen Herangehensweise. 

Und das alles zusammengenommen wirkt?
Ja, wie Teufel. 😉

Das darf ich ruhigen Gewissens behaupten, da Systemische Beratung und Systemische Therapie 2008 die wissenschaftliche Anerkennung erhalten haben ( mehr dazu hier ). 2018 folgte die Anerkennung durch die Krankenkassen. Damit ist die Systemische Therapie einer von den vier wissenschaftlichen fundierten psychotherapeutischen Ansätzen.

Wenn wir miteinander arbeiten, orientiere ich ich mich an deinem Ziel, das wir zu Beginn gemeinsam herausfiltern. Zusammen suchen wir nach Bedingungen, die dich in die Lage versetzen die Ressourcen zu (re)aktivieren, die du benötigst, um dein Ziel zu erreichen bzw. um dein gewünschtes Erleben zu gestalten. Zentral ist dabei oft das Entwickeln neuer, manchmal auch ungewöhnliche Sichtweisen auf „das Problem“, um so Lösungsräume zu öffnen. „Out oft the box“ ist quasi Programm.

Mehr zum Ablauf einer Zusammenarbeit mit mir findest du hier:

Du möchtest meinen Support?

Klasse, dann ruf mich an oder schreib‘ mir und mache einen Termin aus. 

Unsicher, ob Systemische Therapie zu dir und deinem Anliegen passt?

Dann verrate dir hier noch ein kleines Geheimnis, dass dir die Entscheidung leicht machen kann. 😉